Skip to main content

< zurück zum Blog

Image
verschiedene Teekräuter und Teetasse

Verschleimung, Lymphatismus und Skrofulose - Die andere Sicht. Teil 2

Grundlagen eines konstitutionellen Krankheitsverständnisses in der TEN
In der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde (TEN) wird Verschleimung nicht als isoliertes Symptom verstanden, sondern als Ausdruck einer gestörten Grundregulation. Gemeint ist eine Beeinträchtigung von Verdauung, Umwandlung, Transport und Ausscheidung, bei der Feuchtigkeit und Schleim nicht mehr ausreichend bewegt, verwandelt oder ausgeleitet werden können.
Bleibt dieser Zustand bestehen, spricht man von Lymphatismus – einer konstitu-tionellen Situation, die den gesamten Organismus betrifft und die Grundlage zahlreicher chronischer Krankheitsverläufe bildet.

Rückblick: Verdauung als Schlüsselprozess (siehe Teil 1)
Die TEN beschreibt die Verdauung als mehrstufigen Umwandlungsprozess, die sogenannten Kochungen (Coctiones). Sie ermöglichen es, Nahrung in verwertbare Substanzen zu transformieren und dem Organismus zuzuführen.
Sind diese Kochungen geschwächt, entstehen Stoffwechselprodukte, die nicht mehr nährend, sondern belastend wirken. In der humoralmedizinischen Sprache spricht man von Phlegma – einem kalt-feuchten Wirkprinzip, das noch nicht ausreichend „gekocht“ wurde, um in den warm-feuchten Sanguis überzugehen.
Ein Übermass dieses unreifen Phlegmas kann vom Körper nicht direkt ausge-schieden werden. Es staut sich im lymphatischen System und bildet die Grundlage des Lymphatismus.

Lymphatismus – das Missverhältnis von Feuchtigkeit und Wärme
Lymphatismus entsteht aus einem Ungleichgewicht zwischen vorhandener Feuchtigkeit und unzureichender physiologischer Wärme. Der Wärmemangel führt nicht nur zu einer mangelhaften Umwandlung des Phlegmas, sondern auch zu einer Verlangsamung des Lymphflusses, da jede Säftebewegung ein aktiver, wärmeabhängiger Prozess ist.
Die Folge ist ein Rückstau zäher, kalter Lymphflüssigkeit in den Geweben. Klinisch zeigt sich dies häufig durch lymphatische Hyperplasien, etwa vergrösserte Mandeln oder Lymphknoten, sowie durch Müdigkeit, Infektanfälligkeit und schleimige Ausscheidungen.

Besonderheit im Kindesalter
Kinder befinden sich physiologisch in einer Phlegma-Dominanz. Wachstum ist nur möglich, wenn ausreichend Feuchtigkeit als materielles Prinzip vorhanden ist. Gleichzeitig muss jedoch genügend Wärme entwickelt werden, um dieses Phlegma weiter zu Sanguis zu assimilieren.
Ein zentraler humoralmedizinischer Lehrsatz lautet: Die aus Nahrung entstandenen Säfte können nur verbraucht werden, wenn ihre Entwicklung zu Sanguis vollendet wurde.
Ein Kind bleibt daher gesund, solange es die notwendige Wärme entwickeln kann, um sein physiologisches Phlegma zu vollenden. Gelingt dies nicht – etwa durch ungeeignete Ernährung, Bewegungsmangel oder konstitutionelle Schwäche – entsteht ein pathologisches Übermass an Phlegma: Lymphatismus.

Ersatzausscheidung über Schleimhäute und Haut
Da es für Phlegma kein spezifisches Ausscheidungsorgan gibt, versucht der Or-ganismus, überschüssige Feuchtigkeit über Ersatzwege auszuscheiden. Besonders betroffen sind Schleimhäute und Haut.
Typisch sind katarrhalische Prozesse der oberen Atemwege: Rhinitis, Tubenkatarrh, Otitis media, Tonsillitis, Bronchitis. Diese verlaufen häufig schleppend und chronifizierend, da das notwendige Wärmeprinzip für eine rasche, akute Aushei-lung fehlt.
Auch die Haut dient als wichtige Ausscheidungsfläche. Ekzeme sind in diesem Sinne „Aus-Schläge“ – sichtbare Zeichen eines Entlastungsversuchs. Aus na-turheilkundlicher Sicht handelt es sich dabei nicht primär um Hautkrankheiten, sondern um regulative Ersatzausscheidungen.

Wenn Phlegma „verunreinigt“ wird – Übergang zur Skrofulose
Bleibt der Lymphatismus bestehen, können sich zusätzliche qualitative Belastungen beimischen. In der TEN werden diese als Schärfen bezeichnet. Sie können endogen entstehen (z. B. Stoffwechselrückstände, unvollständig ausgeheilte Infekte) oder exogen zugeführt werden (Umweltgifte, Schwermetalle, Mikroorganismen, hormonaktive Substanzen).
Diese Schärfen verändern die ursprünglich milde, kalt-feuchte Qualität des Phlegmas und markieren den Übergang zur Skrofulose – der pathologischen Weiterentwicklung des Lymphatismus.

Zwei Qualitäten der Schärfen:
Cholerische (heisse, gelbgallige) Schärfen führen zu:

  • Entzündlichen Reaktionen
  • Rötung, Hitze, Schmerz
  • Fieberneigung
  • Innerer Unruhe und Reizbarkeit

Melancholische (kalte, blockierende, schwarzgallige) Schärfen führen zu:

  • Blockade des Wärmeprinzips
  • Reduzierter Reaktionsfähigkeit
  • Gestörter Nährstoffverwertung
  • Gewebedegeneration (z. B. Arthrose)
  • Energiemangel und Erschöpfung

Bei Kindern überwiegen meist cholerische Schärfen, was zu scheinbar wider-sprüchlichen Symptombildern führt: ausgeprägte Schleimigkeit bei gleichzeitig starken Entzündungszeichen.

Skrofulose – das konstitutionelle Krankheitsmuster
Während der lymphatische Mensch Phasen relativer Gesundheit erleben kann, „kränkelt“ der skrofulöse Mensch – insbesondere das Kind – fast kontinuierlich. Kaum klingt ein Prozess ab, beginnt der nächste.
Charakteristisch sind:
•    ausgeprägte Lymphknoten- und Mandelhyperplasien
•    rezidivierende, schwer ausheilende Entzündungen
•    Entwicklungs- und Wachstumsverzögerungen
•    Konzentrations- und Verhaltensauffälligkeiten
Diagnostisch richtungsweisend ist nicht der Krankheitsname, sondern das Erkennen gemischter und widersprüchlicher humoraler Qualitäten.

Therapeutische Konsequenz: regulieren statt unterdrücken
Ziel naturheilkundlicher Therapie ist nicht die schnelle Symptombeseitigung, sondern die Stärkung der Grundregulation. Entscheidend sind:

  1. Ernährungsanpassung: Reduktion schleimbildender, stark verarbeiteter Nahrungsmittel, Anpassung an die individuelle Assimilationsleistung.
  2. Aktivierung der physiologischen Wärme:  Bewegung, Frischluft, Abhärtung, Vermeidung von Überbehütung.
  3. Lymphatische und konstitutionelle Therapie: Unterstützung der Kochungen (siehe Teil 1), des Lymphflusses und der Ausscheidung (Elimination) mit geeigneten Arzneimitteln.

Die Übergänge zwischen Lymphatismus und Skrofulose sind fliessend – und therapeutisch beeinflussbar.

Schlussgedanke: Regulieren statt unterdrücken
Die Naturheilkunde bietet vielfältige Möglichkeiten zur Regulation, Ausleitung und Milieusanierung. Entscheidend ist dabei nicht die schnelle Symptombekämpfung, sondern die Stärkung der Grundregulation – angepasst an Konstitution, Stadium und Belastbarkeit des Menschen.
Naturheilkundliche Massnahmen können sinnvoll begleitend zur Schulmedizin eingesetzt werden. Bei guter Regulation lassen sich medikamentöse Therapien in Absprache oft reduzieren – auch zum Vorteil von Leber, Nieren, Darm und Lunge.

Lymphatismus und Skrofulose sind keine Diagnosen im engen Sinn, sondern Ausdruck eines konstitutionellen Regulationsmusters. Wer dieses Muster erkennt, versteht, warum Krankheiten wiederkehren, ihren Ort wechseln oder chronisch werden – und warum Unterdrückung langfristig mehr schadet als hilft!

„Wer nicht jeden Tag etwas für seine Gesundheit aufbringt,
muss eines Tages sehr viel Zeit für die Krankheit opfern.“
(Sebastian Kneipp)

Ausblick – Teil 3
Was geschieht, wenn der Körper Belastungen nicht mehr am Ort des Geschehens lösen kann?
Die Antwort der Natur: Vikariation – Auslagerung von Krankheitsprozessen.
Was bedeutet das konkret? Und wie kann die Naturheilkunde hier regulierend eingreifen?

Beste Grüsse
Peter Hämmerle
Kant. appr. Naturheilpraktiker TEN
Physiotherapeut HF