In den ersten beiden Teilen dieser Blogreihe haben wir uns mit der Verschleimung (kalt-feuchtes Phlegma) beschäftigt:
Mit ihrer Entstehung, ihren Zusammenhängen zwischen Darm, Lymphe, Atemwegen und Kopfschleimhäuten – und mit der Frage, was geschieht, wenn zur Schleimproblematik zusätzlich Schärfen, Metaboliten oder Homotoxine hinzukommen.
Im dritten Teil richten wir nun den Blick auf ein Phänomen, das in der naturheilkundlichen Praxis immer wieder für Verunsicherung sorgt – und gleichzeitig einen Schlüssel zum Verständnis von Heilungsprozessen darstellt: die Vikariation.
Warum Symptome ihren Ort wechseln
Viele Patienten berichten:
- „Früher hatte ich ständig Nebenhöhlenprobleme – jetzt habe ich Hautausschläge.“
- „Seit die Verdauung besser ist, reagiert plötzlich meine Haut.“
- „Die Bronchien sind ruhiger geworden, dafür bin ich ständig müde.“
Aus schulmedizinischer Sicht wirken solche Verläufe oft unlogisch oder zufällig.
In der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde (TEN) erkennen wir darin jedoch einen regulativen Versuch des Organismus.
Vikariation – ein Prinzip der Selbstregulation
Der Begriff Vikariation beschreibt die Fähigkeit des Körpers, Belastungen zu verlagern, wenn sie an einem Ort nicht mehr ausreichend verarbeitet oder ausgeschieden werden können.
Der Organismus sucht sich dabei:
- eine andere Ebene
- ein anderes Organ
- oder eine grössere Ausscheidungsfläche
Nicht aus Willkür – sondern aus biologischer Notwendigkeit.
Die Logik der Vikariation: innen – aussen, oben – unten
Vikariation folgt klaren Gesetzmässigkeiten:
Regulative (günstige) Vikariation:
- Von innen nach aussen
- Von oben nach unten
- Von Organen zu Schleimhäuten und Haut
- Von chronisch zu akut
Ein Hautausschlag kann in diesem Sinne heilungsnäher sein als eine tiefe Organbelastung.
Pathogene (ungünstige) Vikariation:
- Von aussen nach innen
- Von unten nach oben
- Von Haut zu Organen
- Von akut zu chronisch
Dies geschieht häufig dann, wenn Symptome unterdrückt werden und dem Körper seine Ausscheidungswege genommen werden.
Verschleimung, Schärfen und Vikariation – wie hängt das zusammen?
Wie wir in Teil 1 und 2 gesehen haben, entsteht Verschleimung durch eine Kochungsschwäche. Der Nahrungsbrei wird nicht vollständig umgewandelt, es verbleibt kalt-feuchtes Phlegma, das den Organismus belastet.
Kommen nun zusätzlich Schärfen hinzu – etwa durch:
- Stoffwechselrückstände
- Entzündliche Prozesse
- Toxische Belastungen
- Emotionellen oder vegetativen Stress,
verändert sich die Dynamik. Der Körper versucht dann nicht mehr nur zu verschleimen, sondern aktiv umzulenken: Vikariation entsteht.
Sinnhaftigkeit – und Grenzen der Vikariation
Vikariation ist zunächst kein Fehler, sondern ein Notfallprogramm des Körpers.
Sie ermöglicht:
- Entlastung lebenswichtiger Organe
- Erhalt der Regulationsfähigkeit
- Zeitgewinn für Heilung
Problematisch wird sie dann, wenn:
- Sie dauerhaft wird
- Die Richtung ungünstig verläuft
- Oder immer wieder unterbrochen und blockiert wird.
Dann entstehen chronische Krankheitsmuster, Degeneration und Erschöpfung.
Symptome der Vikariation – Zeichen lesen lernen
Je nach Richtung und Ebene zeigen sich sehr unterschiedliche Symptome:
- Hautausschläge, Ekzeme, Juckreiz
- Schleimverlagerung in Bronchien oder Nebenhöhlen
- Wechselnde Verdauungsbeschwerden
- Müdigkeit, Erschöpfung, depressive Verstimmungen
- Migräneartige Kopfschmerzen
- Wiederkehrende Entzündungen ohne klaren Fokus
Nicht das einzelne Symptom ist entscheidend – sondern seine Bewegung im Gesamtsystem.
Therapeutisches Potenzial – begleiten statt bekämpfen
Naturheilkundliche Therapie fragt deshalb nicht zuerst: „Wie bringen wir das Symptom zum Verschwinden?“ Sondern:
„Was versucht der Körper gerade zu regulieren – und wie können wir ihn dabei unterstützen?“
Therapeutisch bedeutet das:
- Schleim und Schärfen lösbar und ausscheidbar machen
- Die Kochung stärken
- Wärme, Rhythmus und Ordnung fördern
- Regulative Vikariationen zulassen und begleiten
- Ungünstige Richtungen behutsam korrigieren
Fazit: Symptome als Sprache des Körpers
Vikariation zeigt uns, dass Krankheit kein statischer Zustand ist, sondern ein dynamischer Prozess. Wer lernt, diese Bewegungen zu lesen, versteht Gesundheit nicht als Symptomfreiheit – sondern als gelebte Regulation!
Bleiben Sie in gelebter und bewegter Regulation :-)
Herzlichst
Peter Hämmerle
Kant. appr. Naturheilpraktiker TEN
Physiotherapeut HF